Ethik & Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen
- Christian Zeise
- 7. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Zwischen Würde und Wirtschaftlichkeit

Wer bekommt was – wann – und warum nicht?Diese Frage wird im deutschen Gesundheitswesen nicht nur stillschweigend gestellt – sie wird längst täglich beantwortet. Nicht in Gremien oder Gesetzen, sondern an Betten, in Gesprächen, an Rezeptionen, auf Visiten, im Dienstzimmer. Und allzu oft entscheidet dabei nicht nur medizinische Notwendigkeit – sondern auch Zeit, Personal und Ressourcen.
Der ethische Kompass der Versorgung steht unter Druck. Und genau deshalb ist es an der Zeit, über Gerechtigkeit, Verantwortung und die Grenzen des Machbaren zu sprechen.
Wenn Zeit zur Währung wird
Pflegekräfte und Ärzt:innen berichten seit Jahren, dass sie „nach Dringlichkeit“ und „Kapazität“ priorisieren müssen. Nicht immer nach Bedarf. Wer schneller läuft, wer lauter spricht, wer keine Sprachebarriere hat – hat manchmal einfach einen Vorsprung.
Beispiel Pflegeheim: Zwei Bewohner:innen mit ähnlichem Unterstützungsbedarf. Einer bekommt tägliche Mobilisierung, die andere nicht – weil es im Spätdienst nur eine Kraft gibt.Beispiel Notaufnahme: Ein älterer Mensch mit Bauchschmerzen wartet fünf Stunden – weil jüngere Notfälle nachrücken.Hier geht es nicht um Fehlverhalten, sondern um Systemgrenzen.
Quelle: Zentrum für Ethik in der Medizin (IMPP), 2024
Verteilungsgerechtigkeit – was bedeutet das überhaupt?
In der Theorie ist es einfach:Gesundheitsleistungen sollen nach Bedarf, nicht nach Alter, Einkommen oder Lautstärke verteilt werden. Doch wie gelingt das in einem System mit:
begrenztem Personal (Pflege- & Fachkräftemangel)
wirtschaftlichem Druck (DRG-System, Budgetgrenzen)
wachsender Nachfrage (demografischer Wandel, Multimorbidität)?
Verteilungsgerechtigkeit heißt, Ressourcen so einzusetzen, dass sie bei den Menschen mit dem größten Bedarf ankommen – nicht bei denjenigen mit den lautesten Ansprüchen. Das ist schwer messbar – aber dringend nötig.
Neue ethische Fragen durch medizinischen Fortschritt
Neben dem Mangel sind es auch neue Entwicklungen, die ethische Fragen aufwerfen:
1. Suizidassistenz
Seit 2020 ist Suizidbeihilfe rechtlich erlaubt – aber wer begleitet Betroffene?
Was heißt „autonomer Wille“ bei psychischer Krankheit, Demenz oder sozialer Isolation?
Darf eine Pflegeeinrichtung das Thema komplett ausklammern?
2. Reproduktionsmedizin
Immer mehr Möglichkeiten: Eizellspende, Leihmutterschaft, künstliche Befruchtung über 50.
Doch: Was ist medizinisch möglich – und was gesellschaftlich tragfähig?
Welche Rolle spielt soziale Gerechtigkeit, wenn solche Verfahren sehr teuer sind?
3. KI in der Pflege
Künstliche Intelligenz soll Entscheidungen unterstützen – z. B. bei der Priorisierung von Pflegebedarfen.
Doch wer programmiert die Algorithmen? Nach welchen Werten?
Darf KI über Versorgung entscheiden – wenn es um echte Menschen geht?
Stimmen aus der Versorgung
„Ich habe keine Zeit, mit jeder Bewohnerin zu reden – obwohl ich weiß, dass genau das helfen würde.“– Pflegekraft, stationäre Langzeitpflege
„Ich fühle mich oft wie ein Verteiler – nicht wie ein Arzt.“– Internist, kommunales Krankenhaus
„KI kann unterstützen, aber nicht abnehmen. Wir brauchen Werte, nicht nur Daten.“– Ethikerin, Hochschulmedizin
Was wir brauchen: Ethische Reflexion im Alltag
🔹 1. Ethik darf kein Luxus sein
Ethikkomitees und Fallbesprechungen müssen zugänglich, niedrigschwellig und alltagsnah sein – auch in der Pflege oder im ambulanten Bereich.
🔹 2. Transparenz und Beteiligung
Verteilungsentscheidungen müssen kommunizierbar, begründbar und überprüfbar sein – auch gegenüber Patient:innen und Angehörigen.
🔹 3. Bildung und Haltung
Pflege- und Gesundheitsberufe brauchen Raum für ethische Selbstreflexion, wertebasiertes Handeln und Diskurs – in Ausbildung, Praxis und Organisation.
Gesundheit ist mehr als Versorgung – sie ist Verantwortung
Verteilungsgerechtigkeit beginnt nicht in Gesetzestexten, sondern im Kontakt zwischen Menschen. Dort, wo Entscheidungen getroffen – oder aufgeschoben – werden. Wo Bedürfnisse geäußert – oder übersehen – werden.
In einer Zeit knapper Ressourcen brauchen wir mehr als Strukturreformen. Wir brauchen einen Wertekompass, der Fachkräften Rückhalt gibt. Und ein System, das Gerechtigkeit nicht dem Zufall überlässt.
Denn: Gesundheit darf keine Frage der Umstände sein – sondern ein Recht auf Würde.



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